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600 Jahre Nanzdietschweiler


- Ein Beitrag zur Ortsgeschichte -

Von Erich Brill

erschienen in: Westrich Kalender Kusel, 1983


Im oberen Glantal, wo der Bach schon zu einem stattlichen Flüßchen geworden ist und das Landstuhler Bruch hinter sich lassend in vielen Windungen seinen beschwerlichen Lauf um die ersten Hügel des Nordpfälzer Berglandes nimmt, liegt, eingebettet zwischen sanften, bewaldeten Höhen, das heute rund 1300 Einwohner zählende Nanzdietschweiler.

Nanzdietschweiler wurde in seiner jetzigen Form im Zuge der Verwaltungsreform des Landes Rheinland-Pfalz im Jahre 1969 aus den früher selbständigen Orten Dietschweiler, Nanzweiler und Nanzdiezweiler geschaffen.

Im Jahre 1983 feierte Nanzdietschweiler den 600. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Dieses Jubiläum ist es wert, daß wir uns etwas näher mit diesen sechs Jahrhunderte zurückliegenden Ereignissen befassen.

Blättern wir zunächst in der dörflichen Geschichte 150 Jahre zurück, dann stellen wir fest, daß auf dem heutigen Ortsgebiet vier selbständige Ortschaften bestanden haben und zwar auf der westlichen Glanseite die Dörfer Dietschweiler (früher Dyetzwiler) und Nanzweiler (früher Nanzwiler) und auf der gegenüberliegenden Glanseite Nanzweiler (früher ebenfalls Nanzwiler) und Dietzweiler (früher Dietsweyler). Etwa um 1825/30 erhielten die beiden auf der östlichen Glanseite gelegenen Orte den Doppelnamen Nanzdiezweiler.

Alle diese Dörfer lagen ursprünglich im Reichsland.

Bis vor wenigen Jahren wurden in der Literatur als Daten der ersten urkundlichen Erwähnung für Dietschweiler das Jahr 1447, für Nanzweiler das Jahr 1437 und für Nanzdiezweiler als "Mule zu Dietsweyler" das Jahr 1437 genannt.

Es stellt sich nun die Frage, wie man auf das Jahr 1383 als erste urkundliche Erwähnung kommt?

Bekanntlich ist die Geschichte des oberen Glantales eng verbunden mit der Geschichte des Münchweiler Tales oder Munchvillana Vallis, wie es in älteren Schriften genannt wird. Gemeint ist damit das ehemalige Besitztum der Grafen von der Leyen um den Amtsort Münchweiler am Glan, dem heutigen Glan-Münchweiler.

Die Grafen von der Leyen haben von 1486 bis Ende des 18. Jahrhunderts wesentliche Teile des sogenannten Münchweiler Tales regiert und beherrscht.

Zahlreiche Urkunden aus dieser Zeit befinden sich heute in dem Fürstlich-von-der-Leyen'chen Archiv zu Waal in Schwaben, in der Nähe von Kaufbeuren. Bei diesen Akten befindet sich auch das sogenannte "Breidenborner Kopialbuch". Dieses enthält eine Sammlung von Urkundenabschriften, die zu einem Buch gebunden wurden.

Die Familie der Breidenborner gehörte vermutlich zu dem Kreis der Reichsministerialen, die seit den Tagen Friedrich Barbarossas in dem zur Kaiserpfalz Lautern gehörenden Reichsland ihre Wirkungsstätten hatten.

Es bestanden enge Familienbeziehungen zu den Beilsteinern und Wilensteinern. Vermutlich stammen die Breidenborner aus der Wormser Ministerialität.

Obgleich das Geschlecht der Breitenborner im Vergleich mit anderen Kaiserslauterern Reichsministerialfamilien nur eine untergeordnete Rolle spielte, ist es für die Ortsgeschichte von Nanzdietschweiler und das gesamte Münchweiler Tal bedeutsam.

Das Geschlecht der Breidenborner hat nämlich zu den frühesten Lehensträgern des Münchweiler Tales gezählt.

1456 heitatet Georg I. von der Leyen die Tochter eines reichen und alten Zweibrücker Kaufmannsgeschlechtes: Eva Mauchenheimer. Diese entsproß der Ehe zwischen Simon Mauchenheimer und der Eva von Schöneck. Simon Mauchenheimer wiederum war ein Abkömmling des Heinrich Mauchenheimer und der Demuth von Breidenborn. Damit war die Familingeschichte derer von der Leyen und der Breidenborner miteinander verbunden.

Das Breidenborner Kopialbuch, das Besitzverhältnisse im Münchweiler Tal nachweist, kam vermutlich durch diese Verbindung in den Besitz derer von der Leyen und gelangte so in das Leyen'sche Archiv nach Wal.

Die Geschichte des Leyen'sche Archives selbst ist so bewegt, daß diese sicher allein Bände füllen könnte. Bedenkt man, welchen Weg die Urkunden und sonstigen Archivalien in einer sehr unruhigen Zeit und oft unter den widrigen Umständen, die eine Flucht mit sich bringt, genommen haben, dann muß man sich wundern, daß überhaupt etwas übrig geblieben ist.

Wolfgang Krämer, ein Kenner der von der Leyen'schen Familiengeschichte, führt dies auf den Umstand zurück, daß Archivalien von verschiedenen Amtsorten mit mehr Zeitaufwand abtransportiert werden konnten., weil diese nicht sogleich von den heranrückenden französischen Truppen eingenommen wurden, dies gilt insbesondere für die Herrschaften Burrweiler und das Münchweiler Tal.

Archivrat Dr. Georg Friedrich Böhn hat sich der schwierigen Aufgabe unterzogen und das Breitenborner Kopialbuch das für die Geschichte des Münchweiler Tales viele Aufschlüsse enthält, aufgearbeitet und in Regestenform in Druck gegeben Es enthält an nicht weniger als etwa 50 Stellen Hinweise auf das Münchweiler Tal und seine ehe- maligen Orte. So auch die nachstehend wiedergegebene Urkunde (s. Abb.) die das Datum vom 17. März 1383 trägt.

Wenn auch die Urkunde infolge ihres beachtlichen Alters und auch den für uns ungewohnten Sprachstil nicht oder nur schwerlich lesbar ist, so die Schrift selbst, wenn man bedenkt, daß damals mir dem Federkiel geschrieben wurde von beachtlicher Exaktheit und Schönheit Der Text der Urkunde wird von Dr. Georg Friedrich Böhn wie folgt zitiert:

"1383 März 17.

Raugräfin Angnese zu Neuenbamberg (Nuwenbeinborg) und Raugraf Cune, ihr Sohn bekunden für sich und ihre Erben, daß sie dem Ritter Bechtolff von Flörsheim (Flerß- hem), dem Edelknecht Philips von Breidenhorn und deren Erben das Dorf Glan- münchweiler (Monchwilr off dem Glane) mit allem Zubehör (zugehorenden bannen und mannen) an Gerichten, Land, Leuten, Äckern, Wiesen, Wäldern, Weidegängen, Fischerei, Wildbann, Gülte, Zins, Schatzung, Besthäuptern, Hübnern (huber), Mühlen uind Mühldeichen, ausgenommen jedoch den Berg zu Nanzweiler (Nancwilr), für 340 rheinische Gulden, die sie bereits erhalten haben, verpfänden. Die Aussteller behalten sich die Ablösung jeweils vor dem 23. April (sant Jorgen dage) vor und gelo- ben, die genannten Pfänder nicht vor der völligen Ablösung weiter zu verpfänden.

Siegler: Aussteller. Datum: off den dinstag in der palmwoch 1383. Abschrift, Kop.-B. S.71f ."

In dieser Urkunde ist also unter anderem die Rede von dem "Nanzweiler Berg". Damit ist erwiesen, daß es die Bezeichnung "Nanzweiler"schon 54 Jahre vor der bis dahin bekannten und eingangs angeführten ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1437 gegeben hat. Selbst wenn sie in dieser Urkunde auch nur den Namen für einen Berg (vermutlich den heutigen Bohnenberg) darstellt. Interessant ist, daß das Breidenborner Kopialbuch unter dem gleichen Datum eine weitere, ähnlich lautende Urkunde enthält, jedoch mit der Abweichung, daß hiernach das Müuuchweiler Tal mit allem Zubehör für 480 rheinische Gulden, verpfändet wurde. Da der "Nanzweiler Berg" in dieser Urkunde nicht genannt oder wie in der erstgenann- ten Urkunde ausdrücklich von dem Pfand ausgeaomnmen ist, muß unterstellt werden, daß er mitverpfändet wurde. Wenn man dabei beachtet. daß der Pfandpreis für das gesammte Gebiet aber um 140 rheinische Gulden höher ist, als in der ersterwähnten Urkunde, das ist ¼ des Gesatmtpreises, dann kann man annehmen, daß der "Berg von Nanzweiler" aus irgendeinem Grunde "hoch zu Buch" gestandemt hat.

Daß aber Nanzweiler seinerzeit auch schon Wohnplatz war,beweist eine weitere Urkunde in dem Breidenborner Kopialbuch, die mit dem 12. April 1383 datiert ist. Sie wird von Dr, Gorg Friedrich Böhn wie folgt zitiert:

"1383 April 12. Hennechgen Wober, Schultheiß, Kleffer von Gries (Grieß), Diele von Börsborn (Berßborn), Eckelmann von Glan-Münchweiler (Monchwilr), Henne von Nanzweiler (Nanczwilr), Clas von Nanzweiler und Henne, Angnesen Sohn, alle Schöf- fen, und die Gemeinde zu Glan-Münchweiler bekunden, daß sie dem Ritter Bechtolff von Flörsheim (Flerßhem), Burggraf zu Kaiserslautern (Lutern), dem Edelknecht Philips von Breidenborn und deren Erben einen Huldigungseid geleistet haben, der solange in Kraft bleiben soll, bis sie wieder von dem Raugrafen eingelöst werden.

Siegler: Propst Johan zu St. Remigiusberg (sant Remesberge), Rudolff von Alben, Burggraf zu Michelsburg (St. Michelsberge) und Herr Johann, Pastor zu Glan-Münchweiler für die Aussteller, die kein Siegel führen.

Datum: off den sundag so man singet in der heiligen kirche jubilate 1383.

Abschrift, Kop.-B. S. 75."

Die darin beurkundete "Huldigung " ist aus den rechtlichen Formen des damaligen Lehenswesens hervorgegangen. Sie stellte ein "gelöbnis der Treue" dar, das der Vasall seinem Lehensherrn, aber auch die Untertanen, Leibeigenen, Hintersassen und Wildfänge ihren "Herren " zu leisten hatten. Die Huldigung stellte die feierliche Anerkennung der Allmacht des Herrschers von Gottes Gnaden durch die Untertanen dar und mußte bei jedem Herrschaftswechsel neu vollzogen werden.

Der Anlaß für den am 12. April 1383 protokollierten Huldigungseid , wo unter anderem auchUntertanen aus Nanzweiler namentlich genannt sind, war der Besitzübergang des Münchweiler Tales von der Raugräfin zu Neuenbamberg und deren Sohn Kuno an die Breitenborner.

Der hier genannte Philips von Breidenborn wird auch bei Walter Haarbeck, in "Geschichte der velden-zweibrückischen Burg Lichtenberg" am 15 Januar 1378 als Burgmanne auf Lichtenberg erwähnt.

Die Nennung von Untertanen aus Nanzweiler in dem Huldigungsprotokoll vom 12. April 1383 stellt zusammen mit der Pfandurkunde vom 17. März 1383 die bis jetzt bekannte erste urkundliche Erwähnung vor 600 Jahren dar.

Weiteres Licht in das Dunkel der Ortsgeschichte zu bringen bleibt auch in Zukunft Auftrag und Aufgabe der Heimatforschung.



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